Mama

Adieu, Essstörung: Von krank zu Mama (Gastbeitrag)

28. Mai 2016

Ich folge dem Instagram-Profil mit dem unaussprechlichen Namen schon viele Monate und bin voller Bewunderung für die junge Frau, die ihren süßen Sohn (14 Monate) ganz allein großzieht. Ich komme nicht umhin, mir bei ihren Posts immer wieder zu denken: “wie schafft sie das bloß?”, so fröhlich, so selbstbewusst, so wunderschön, so unbeschwert zu sein. Und: “ich kann mich glücklich schätzen, meinen Mann an meiner Seite zu wissen”. Ich bin mir sicher, dass alle Mütter MIT Partner an der Seite das gleiche denken und dass alle anderen, denen es so geht wie dieser jungen Dame, wissen, wie es hinter den fröhlichen Instagram-Kulissen zugeht. 

Ich war immer so sehr damit beschäftigt, über ihre Rolle als Alleinerziehende nachzudenken, dass ich nie auch nur andere Schattenseiten für möglich gehalten hätte. Als sie mich aber dann mal privat ansprach und wir via WhatsApp tiefgründigere Gespräche führten, erfuhr ich, dass die Alleinerziehung nicht die einzige Härteprobe ihres Lebens war. 

Doch diese Geschichte wird sie euch selbst erzählen. Die Frau mit dem Namen Katharina. 25, aus Saarbrücken, lebensfrohe Mama von Kasper und die vielleicht mutigste, die ich kenne. 


Von Katharina Essigkrug / www. cruchedevinaigre.de

Sehr früh begriff ich, dass Gewicht und Essen nah beieinander liegen. Schon im Grundschulalter wurde ich von meiner Mutter, die sich selbst eine strenge size zero Diktatur auferlegt hatte, gemaßregelt. Ich erinnere mich an einen Moment mit ca. 10 Jahren, in dem ich sie fragte, ob ich schön sei. “Ein Bild ist schön”, war ihre unterkühlte Antwort. Das hier soll gewiss keine Klagemauer werden, dafür ist mir eure Zeit zu schade, dennoch muss ich so beginnen, denn jede Geschichte hat ihren Anfang…

Ich war essgestört, gefühlt mein halbes Leben lang, beginnend im Teeniealter, steigerte sich das Drama und fand letzten Endes Anfang 20 seinen traurigen Höhepunkt. Keine leichten Zeilen für mich, denn ich war lange damit beschäftigt, allein das Gegenteil zu beweisen.

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Aber beginnen wir vorne. Mein Schönheitsideal war wie oben schon erwähnt sehr verschoben und es sollte nicht besser werden. Mit ca. 15 Jahren war ich auf einer Pool Party eingeladen, ich kaufte mir anlässlich dessen extra einen neuen Bikini und präsentierte ihn stolz meiner Mutter und ihrem ätzenden Mann, den ich bis auf den Tod nicht ausstehen konnte. “So würde ich nicht aus dem Haus gehen, aber wenn du meinst”, waren ihre Worte. Obwohl ich heute vor Wut schäume, wenn ich an solche Momente zurück denke, ließ es mich damals kalt, zumindest dachte ich das.

 

Mit zunehmendem Alter jedoch begann ich mich immer öfter schuldig dafür zu fühlen, gegessen zu haben. Ich kann den genauen Zeitpunkt nicht terminieren oder den genauen Grund, es war auf einmal einfach da. Also begann ich damit, Kalorien zu zählen. Ich verbrachte Tage und Wochen damit Kalorien von allen möglichen Lebensmitteln auswendig zu lernen. Es gefiel mir so selbst bestimmt zu sein, doch dass ich damit die Tür zu einem dunklen Verlies öffnete, war mir nicht bewusst.

Die Zahl auf der Waage wurde immer weniger und ich dadurch immer besessener, mein Leben drehte sich nur noch ums Essen oder nicht Essen. Akribisch zählte ich Kalorien und trieb Sport, aß ich dann doch mal mehr als erwartet, übergab ich mich, trank Abführmittel und turnte die halbe Nacht. Selbst an diesem Punkt dachte ich noch, dass es normal sei, ich hatte eben ein Ziel vor Augen ” never too skinny always too fat” war mein Lebensmotto geworden.

Jetzt begann jeder Morgen mit dem Gang zum Spiegel, mehr als einmal stand ich heulend davor und hasste mich selbst, aber nicht für das was ich tat, sondern für den unzureichenden Anblick den mir mein Spiegelbild bescherte, denn ich litt wie viele Betroffene an einer ausgeprägten Körperschemastörung. Mittlerweile blieb auch meine Periode aus und ich verlor die ersten Haare. Insgeheim wusste ich, was ich tat und wie schlecht es für mich war, trotzdem konnte ich nicht aufhören, denn endlich hatte ich ein Ventil gefunden, um mich von all dem “Negativen” zu befreien.

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Zum großen Höhepunkt war ich nur noch Hülle, leeres Material, für nichts mehr zu gebrauchen und auch ich erkannte jetzt endlich, dass das kein Leben mehr war. Ich war eine Besessene, also begab ich mich in eine Therapie. Für mich war das ein innerliches Sterben, denn richtig “klick” hatte es nicht gemacht. Ich fühlte mich immer noch leer, doch jetzt musste ich in diesem für mich damals hässlichen Körper leben, um nicht die Verrückte zu sein. Trotzdem schaffte ich es auf ein normales Level, es sammelte sich sogar wieder etwas Speck auf meinen Hüften an, denn mein Körper hatte sich noch lange nicht von den Strapazen erholt und bunkerte in Panik alles ein, was er kriegen konnte. Auch mein Zyklus ließ lange auf sich warten, sehr lange. Ein Jahr danach hatte ich immer noch keinen richtigen Eisprung und sogar von einer Hormontherapie war die Rede.

Umso unglaublicher war es also, als ich erfuhr, dass ich schwanger sei. Ich hatte es nicht mal versucht, denn ich war weder in einer festen Partnerschaft, noch war das zu diesem Zeitpunkt ein Thema für mich gewesen. Trotzdem war da ganz unverhofft ein Ei gesprungen, das alles auf den Kopf stellen sollte. Dieses Ei hört heute übrigens auf den Namen Kasper und ist im März diesen Jahres ein Jahr alt geworden.

Aber zurück zum Thema …

Ich würde Mutter werden, ich würde eine Mutter sein und wäre nicht mehr länger eine Tochter. Für mich selbst war das wie ein Befreiungsschlag und entgegengesetzt meiner Vorstellung blieb ich auch in der Schwangerschaft gelassen, was meine Figur anbelangte. Selbst nachdem ich in den ersten drei Monaten 12 Kilo zugelegt hatte, fühlte ich mich kein Stück unwohl oder schuldig. Ich wollte gesund sein und meinem ungeborenen Kind die Möglichkeit bieten, unter den besten Voraussetzungen in meinem Bauch heran wachsen zu können. Mein Körper füllte sich mit immer mehr Leben und zum ersten Mal, nach sehr langer Zeit, war ich stolz auf ihn und die unglaubliche Leistung, die er erbrachte. Trotzdem machte ich mir insgeheim Gedanken darüber, wie es sein würde, wenn ich erstmal entbunden hatte, denn so wie viele andere Frauen auch, wollte ich danach wieder in Form kommen. Ein gefährliches Unterfangen, denn auch wenn ich mich sehr stabil fühlte, musste ich damit rechnen, dass dieser Schuss nach hinten los gehen könnte.

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Aber ich sollte Recht behalten, denn auch nach der Schwangerschaft geriet meine Balance nicht wieder aus dem Gleichgewicht. Ich hatte mich, um vorzubeugen, innerhalb der Schwangerschaft schon ausreichend informiert und würde meinen Körper nach den üblichen 8 Wochen Schonfrist (Wochenbett) langsam wieder auf gesunde Art und Weise in Form bringen. Daran arbeite ich übrigens bis heute, denn wenn ich eins gelernt habe, dann dass man durch zu viel Druck nur ins Schleudern gerät. Ein Zustand den ich mir als alleinerziehende Mutter nicht erlauben kann und auch gar nicht mehr erlauben will, denn ich möchte als gutes Beispiel voran gehen und meinem Sohn einen normalen Bezug zum Essen vermitteln können.

Mittlerweile habe ich selbst auch wieder ein normales Verhältnis zum Essen. Gesund muss es sein und wenn möglich selbst gemacht. Für viele in meinem Freunde und Bekanntenkreis ist diese Einstellung immer noch ein Touch too much, doch für mich ich es ein toller Kompromiss, ohne auf Lebensqualität verzichten zu müssen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht auch Tage gäbe, an denen ich mir so gar nicht gefalle, doch ich habe gelernt damit umzugehen und eigentlich denke ich, dass es jedem mal so ergeht. Wichtig für mich ist, in so einem Moment ruhig zu bleiben und das gelingt mir bis heute.

Liebe Katharina, danke für deine Offenheit und diesen ehrlichen Beitrag, der hoffentlich vielen Frauen die Augen öffnet und gleichzeitig Hoffnung macht! 

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5 Kommentare

  • Reply Catharina Neumann 29. Mai 2016 at 15:16

    Liebe Katharina, danke für deinen ehrlichen und tiefen Einblick in dein Leben. Ich hoffe deine Worte können vielen Frauen helfen und Mut machen! Bleib weiterhin so eine starke Frau. Du machst das unfassbar toll! Alles Liebe, Catharina

  • Reply Julia 30. Mai 2016 at 20:17

    Liebe Katharina,
    dein Beitrag hat mich gerührt und ich bewundere dich für das was du geschafft hast.
    Mach weiter so und alles gute.

  • Reply Sophie 4. Juni 2016 at 14:25

    Vielen Dank für deine Offenheit. Wirklich berührend!!
    Ich wünsche DIR & KASPER alles herzlichst Gute.
    Alles liebe sophie

  • Reply Carla 8. Juni 2016 at 8:18

    1. natürlich liebe ich Geschichten mit Happyend und 2. mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich so etwas lese. Wenn eine Frau aus einer verschobenen Welt ins hier und jetzt zurück kommt und das auch noch mit so einem schönen Geschenk im Gepäck

  • Reply Andrea 28. Oktober 2016 at 21:44

    Danke für diesen tollen Artikel! Sehr inspirierend, wie Katharina ihr schweres Leben meistert.

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