Mama

Hab‘ keine Angst, mein Kind (Gastbeitrag von Daddy Cool)

21. Dezember 2016
Weihnachten mit Kindern

Vorwort

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt standen Matthias und ich in Kontakt und tauschten unsere Gedanken aus. Gedanken der Unruhe, der Sorge, der Fragezeichen, der Hoffnung, der Zuversicht, der Vernunft – Gedanken der Eltern, die ihre Kinder in einer Zeit der latenten Bedrohung aufziehen und wissen, dass ihre Aufgabe nicht darin besteht, den Nachwuchs von der Realität fernzuhalten, sondern ihn darauf vorzubereiten, ihn zu stärken, ihn zu ermutigen. Und ihm sehr viel Liebe und Geborgenheit zu schenken.

Ich freue mich, dass Matthias erneut einen gedankenreichen Text für mich verfasst – ich hätte mir keinen besseren Autor für diese Thematik wünschen können. 

Von Matthias aka @daddy_co.ol

„Die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr“

Ein solcher Satz, wie ihn die Band Kraftklub in einem Song benutzte, ist schnell ausgesprochen. Und wie er gerade jetzt so oft verwendet wird, finde ich ihn bedenklich; vermittelt er doch so viel Resignation. Er beschreibt eine Einstellung, einen Zustand der Hoffnungslosigkeit. Und bietet darüber hinaus keinerlei Ansätze möglicher Lösungswege.
Aufgeben oder Aufgaben?

Ein solcher Satz wird nicht nur schnell, sondern auch oft und beinahe schon reflexartig gesagt. Beispielsweise, wenn es – so wahnsinnig schlimm es ist – wieder mal irgendwo auf der Welt knallt. Wenn Dinge geschehen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. Die wir, erst Recht mit dem Aufkommen der verschiedenen Social-Media-Kanäle, zwar wahrnehmen und doch oftmals nicht begreifen. Weil sie … so fremd sind. Weil sie nicht in unsere Vorstellung von Werten und Zusammenleben, vom LEBEN passen.

Weil es Dinge sind, mit denen wir uns bis vor nicht allzu langer Zeit überhaupt nicht intensiv beschäftigen mussten. Oder auch gar nicht wollten. Weil sie uns zutiefst beunruhigen. Und der Mensch neigt nunmal naturgemäß dazu zu vermeiden, was ihn beunruhigt. Was ihm nicht gut tut. Und: weil diese Dinge bislang zumeist weit entfernt geschehen sind.

Die Betroffenheit ist trotzdem immer da und zeigte sich auf Instagram und Co. in beeindruckend solidarischer Weise. Und das ist auch richtig und diese Solidarität so wichtig. Denn je enger man zusammenrückt, desto mehr Wärme kann entstehen. Die so bedeutend ist, in frostigen Zeiten.

Wir nehmen die Ereignisse also stets wahr, aktiv oder zufällig. Die Informationen der Medien prasseln allseits auf uns ein. Ganz interessierte informieren sich gar selbstständig in mal mehr und mal weniger tiefgehenden (Internet-)Recherchen.

Aber: Führt das denn bei jedem von uns zu Konsequenzen? Haben wir uns dadurch bislang nachhaltig in unseren Verhaltensweisen beeinflussen lassen? Und müssen wir uns überhaupt derart beeinflussen lassen und in welcher Form? Die Meinung von Politik und Sicherheitsbehörden hierzu ist klar. Wir sollen unser Leben leben. Sollen auch weiterhin unsere Freiheit so gut es uns möglich ist genießen. Große traditionelle, musikalische und sonstige Veranstaltungen besuchen. Uns mit unseren Freunden umgeben und auch mit Menschen, die wir bislang nicht kannten und uns trotzdem gemeinsame Interessen verbinden. Und das alles mit der gebotenen Vorsicht. Denn dass die Lage zumindest latent immer eine gefährliche ist, wir in Zeiten leben, wo an jederzeit an jedem Ort der Welt menschgemachte Katastrophen geschehen können wird hierbei stets offen kommuniziert. Und der Umgang mit diesem Wissen in die Verantwortung eines jeden Einzelnen gelegt.

Und nur das kann auch die einzig wahre Empfehlung sein. Die andere Alternative wäre nämlich die Vorgabe, uns einzuigeln. Uns zu verstecken. Unsere Freiheit aufzugeben. All das aufzugeben, für das Generationen vor uns gekämpft haben, um die Grundlagen unserer heutigen (zivilisierten) Gesellschaftsordnung zu schaffen. Würde diese Option unser Leben nicht schlagartig so viel schlechter machen? Aus Angst vor einer stets präsenten aber dennoch eher unkonkreten Gefahr nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Auf so viele Dinge zu verzichten, die uns immer so viel Freude bereitet haben?

Wenn man in der Geschichte mal weit zurückschaut: in welcher Epoche des menschlichen Zusammenlebens war denn mal ausschließlich alles gut? Und so überhaupt nicht beängstigend? Ich denke, jede Generation wurde bislang auch immer von Kriegen begleitet. Und natürlich waren diese nicht immer bei „uns“. Aber macht es die Zeiten denn weniger beängstigend, nur weil böse Dinge nicht im unmittelbaren Umfeld stattfinden?
Zumindest die eigentlichen Kriegsgebiete sind heute immer noch „weit weg“. Aber durch moderne Verkehrsmittel und die Vernetzung im Cyberraum kommen deren Auswirkungen, kommen die Kriegsschauplätze heute auch ganz schnell bei uns an. Wie wir schon viel zu oft so schmerzhaft spüren mussten.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der sich zwei Weltmächte sehr feindlich gegenüberstanden. Man nannte es den Kalten Krieg. Die Angst vor einem heißen, einem dritten Weltkrieg, war irgendwie immerzu präsent. Dabei gab es noch nicht mal das Internet und, damit verbunden, die modernen Medien.

Und heute frösteln diese beiden Weltmächte sich wieder an.

Kriege waren immer schon da. Und sie waren immer schon nah. Auch wenn die Entfernungen zu deren eigentlichen Schauplätzen noch so weit weg waren.

Und was haben wir gemacht? Unser Leben gelebt. Zumindest ich kann nicht sagen, dass ich durch die damaligen Bedrohungen eine schlechte Kindheit hatte. Weil, was wäre denn die damalige Alternative gewesen? Dass die damals „Großen“, sprich die Eltern und die Erwachsenen im Allgemeinen gesagt hätten „die Welt geht vor die Hunde, Junge, traurig aber wahr“? Dass sie sich der Situation derart ergeben hätten, dass man vor Hoffnungslosigkeit resigniert und das den Kindern vorlebt? Oder dass sie sich gar dafür entschieden hätten, gar nicht erst Kinder in diese Welt, „die ohnehin vor die Hunde geht“, zu setzen? Dann würde sich die Mehrzahl von euch jetzt gar nicht auf diesem Blog befinden und diese Zeilen lesen. Ihr wärt einfach nicht da. Die Welt wäre jedoch die gleiche. Mit ihren so vielen schönen und den – leider – immer wieder schlechten Seiten.

Die Aufgabe die ich in den „Großen“ von heute, sprich in uns Eltern sehe ist, den Kindern Ängste zu nehmen. Und wenn man Ängste hat, kann man diese nur überwinden bzw. lernen vernünftig damit umzugehen, wenn man die Hintergründe versteht. Und dafür müssen wir den Kleinen diese Welt erklären. Und zwar ganz objektiv. Sie aufklären. Über die Ursachen von Kriegen. Dieser immer wieder von Menschen gemachten Tragödien. Und ihnen bei allem aufzeigen, dass dies dann wohl – leider – ganz offensichtlich in der Natur des Menschen zu liegen scheint. Aber auch, dass es ebenso in der Natur des Menschen liegt, sich nach Frieden zu sehnen und ihn herbeiführen zu wollen. Einander zu helfen, auch ohne einander persönlich zu kennen. Füreinander da zu sein; anderen zu vermitteln, dass man nicht allein ist. Empathie zu besitzen, die über egoistische Eigenschaften siegen kann.

Und diese Aufgabe können wir nicht erfüllen, indem wir Ihnen Resignation und Hoffnungslosigkeit vermitteln. Oder indem wir sie abhärten, um in dieser Welt klarzukommen. Wir sind ihre Felsen in der Brandung. Ihre Bezugspunkte, ihre Vorbilder. Wenn wir resignieren, die Hoffnung verlieren, wie sollen sie es denn einmal anders machen? Wie sollen sie in einer Welt klarkommen, in der es immer wieder zu schlimmen Ereignissen kommen kann und wird?

Wir müssen unseren Kindern eben diese guten Eigenschaften vorleben. Gegenseitige Liebe, Verständnis, Respekt vor dem Leben – und zwar des eigenen und dem Leben anderer – und Hoffnung. Hoffnung, dass es immer weiter geht. Dass es immer Menschen mit den gleichen guten Eigenschaften geben wird, die diese Welt retten wollen und möglicherweise werden.
Und wenn wir dann irgendwann doch feststellen sollten, dass wir die Welt eben nicht retten konnten, so werden wir uns wenigstens nicht selbst vorwerfen müssen, sich damit abgefunden und somit zugelassen zu haben, dass diese Welt vor die Hunde geht. Traurig aber wahr…


Danke, Matthias, dass du deine Gedanken mit uns geteilt hast. Alle, den es gefallen hat, sollten sich unbedingt auch Matthias‘ ersten Gastbeitrag durchlesen. 

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3 Kommentare

  • Reply Hannah 21. Dezember 2016 at 19:47

    Was für wunderbare Worte Matthi! Danke für dein Mut-machen, deine Einstellung zum Leben und deine Ehrlichkeit. Denn ja, es ist nicht immer alles „Friede-Freude-Eierkuchen“ , aber es ist es sowas von wert dass wir dafür kämpfen. Für unsere Freiheit, unser Leben. Für Liebe und Frieden. Das wir das Beste daraus machen, und nicht aufgeben! <3

  • Reply Lisa 21. Dezember 2016 at 21:18

    Wow, wirklich toll geschrieben! Habe Tränen in den Augen. Danke für diesen tollen Text!

  • Reply Inga 22. Dezember 2016 at 10:08

    Wirklich, echt und auf den Punkt. Toll geschrieben und gut gesagt – Danke.

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