Mama

Überlebt, bereut und gelernt: Mein Autounfall mit Kind (Gastbeitrag)

29. September 2016

Von Azra (Instagram: @azra.ka)

Ich schreibe diesen Text, um zu Verarbeiten. Denn das Schreiben hilft mir zu Verarbeiten. Das Schreiben ist für mich wie ein Ventil, es ist meine Therapie. Es macht meinen Kopf frei und mein Herz leicht, es macht mir den Weg frei, um weiter zu gehen. Und auch dieses Mal hoffe ich auf einen freien Weg.

Vor einigen Tagen, auf dem Weg nach Stuttgart, um meine Familie zu besuchen. Keine 10 Minuten nach Abfahrt. „Habe ich auch alles für Sajra eingepackt? Nahrung, Trinken, Pampers, Wechselwäsche… wann sollte ich mich eigentlich wieder auf den Heimweg machen um noch rechtzeitig das Abendessen vorbereiten zu können? Oh nein, habe ich den Schlüssel eingepackt? Schließlich war Sajra zum Ende recht müde und ich habe mich beeilt, damit wir auch endlich losfahren können und sie somit ihren Schlaf bekommt…“

Ja, so gedankenverloren sind wir manchmal. Wir Mütter. So gedankenverloren und nicht zu 100 % bei der Sache. Bei so einer wichtigen Sache wie dem Steuer. Dem Steuer eines Autos und vor allem des Autos mit Kind. Und dann ganz plötzlich sah ich einen Mast vor mir. Ausweichen – zwecklos, zu spät. Was ab dieser Sekunde geschah, kann ich nicht erzählen, denn ich erinnere mich schlichtweg nicht mehr daran. Ich erinnere mich nur noch an den Moment, als das Auto stand und ich Rauch und einen fürchterlichen Gestank von etwas Verbranntem im Auto wahrnahm.Ich hörte nichts von Sajra, es war mucksmäuschenstill. Doch komischerweise drehte ich mich auch nicht zu ihr um – Nein. Ich löste den Gurt, zog den Schlüssel und sprang aus dem Auto. In diesem Moment hörte ich das erste Mal Sajras Schrei. Ich nahm ihren Schrei zumindest das erste Mal bewusst wahr. Ich lief um das Auto, weiß aber nicht, was mich getragen hat, denn meine Füße waren es nicht.

Ich riss die Tür auf, befreite sie vom Gurt und aus dem Kindersitz und drückte sie einfach nur ganz fest an mich. So fest wie schon lange nicht. So fest, dass es ihr vermutlich schon weh tat. Doch ich wollte sie spüren, ihren Atem spüren und ihr Weinen hören. Sie beruhigte sich schnell, zumal ein Hubschrauber nach einigen Minuten anrückte und Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wie groß ihre Augen wurden. Ich sah sie mir an, es schien ihr gut zu gehen und doch guckte ich sie weiter an. Zog leicht an Armen und Beinen, als ob ich es nicht glauben konnte, dass es ihr wirklich gut geht.Und dann sah ich das erste Mal um mich.

Ich sah das Ausmaß meiner Unachtsamkeit. Es sah katastrophal aus und der Hubschrauber lieferte irgendwie den perfekten Beigeschmack dazu. Es sah aus wie im Krieg. Natürlich weiß ich nicht, wie es im Krieg aussieht. Doch dieses Wort schoss mir direkt durch den Kopf. Den Strommast, den ich gerammt hatte, lag quer über der Straße. Die Kabel hingen kreuz und quer und der eine oder andere Kurzschluss erzeugte einen Funkeregen. Ich hatte einen dicken und massiven Strommast in zwei geteilt. Ich sah zum Auto. Überall lagen Teile. Der rechte Reifen lag hinter dem Auto. Er war von der Wucht des Aufpralls komplett herausgerissen worden. Ich konnte es einfach nicht realisieren. „Habe wirklich ICH das alles angerichtet? – bin wirklich ICH allein dafür verantwortlich?“

Ja, das war ich.Ich fühlte Schmerzen im Kiefer und erinnerte mich an einen dumpfen Schlag gegen mein Kinn, aber ich weiß nicht was es war. Ich langte an mein Kinn, weil es sich nach einer offenen Wunde anfühlte. Doch ich befasste mich keine Sekunde weiter um mein Wohlergehen. Ein Autofahrer, der mir entgegen kam, alarmierte die Polizei. Kurz darauf trafen Beamte ein und schickten mich nach Hause, nachdem Sie mir irgendwelche Fragen stellten. Sie würden später zu uns nach Hause kommen. Später, wenn ich mich vom Schock einigermaßen erholt haben sollte. Ich wollte nicht ins Krankenhaus, ich bat die Polizei mich einfach nur nach Hause zu fahren. Nach Hause, damit ich meinem kleinen Mädchen endlich ihren Schlaf geben konnte. Ihren Schlaf, den sie doch so unbedingt braucht.

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Es war mein erster Unfall. Meinen Mann rief ich kurz nach dem Unfall an, doch ich weinte komischerweise nicht. Dabei bin ich doch „im Wasser gebaut“, wie mein Vater pflegt zu sagen. Ich weinte erst, als er nach Hause kam und ich in seine Arme fallen konnte. Ich weinte ganz laut, ich weinte aus tiefster Seele. Langsam überkamen mich Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und starke Nacken- und Kieferschmerzen. Ich wurde ganz müde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Ich dachte nur an den Unfall. Mein Mann sah sich das schrottreife Auto an, dass zwischenzeitlich vom Unfallort abgeschleppt worden ist. Ich denke immer noch daran. Ich erlebe die Sekunde vor dem Aufprall immer und immer wieder. Selbst wenn ich mich versuche abzulenken, schweifen meine Gedanken immer wieder zurück zu diesem Moment. Und ich sehe mich im Auto, als ob ich diese Situation von oben beobachten würde. Als Zuschauer. Ich versuche immer wieder Sajra zu erblicken. Doch mein Blick reicht nicht bis auf die Rückbank. Sie ist nicht in meinem Sichtfeld. Ich weiß nicht, wie es meinem Kind erging. Ich strenge mich ganz fest an und versuche mich zu konzentrieren, als ob ich irgendwann wenigstens ein Blick auf ihr Gesicht erhaschen könnte. Von dem Mast bis zum Auto sind es einige Meter. Einige Meter in denen ich vollkommen verloren war. Einige Meter in denen mein Kind ganz alleine war.

Mein Herz blutet, während ich diese Zeilen schreibe. Was hat sie wohl in dem Moment des Aufpralls gedacht? Wie groß war ihre Angst? Hat sie zu mir gesehen? Hat sie Mama gerufen? Oder hat sie sich genau wie ich gänzlich verloren?

Wir hatten großes Glück. Ich und mein Kind hatten wirklich großes Glück. Sajras Sitz befindet sich rechts hinten. Und mit der rechten Seite rammte ich den Mast. Es hätte aber auch gereicht, dass ich ein paar, wirklich nur ein paar Zentimeter weiter rechts fuhr und ich hätte den Mast frontalgerammt. Vor der Abfahrt kaufte ich mir einen Smoothie. Einen Smoothie aus der Glasflasche, so wie Ihr ihn alle kennt. Die Glasflasche explodierte beim Aufprall und mich traf keine einzige Scherbe. Ich male mir ständig aus, was hätte passieren können. Auch wenn das falsch ist. Falsch, weil jeder sagt, dass es falsch sei. Ich sollte mich glücklich schätzen, dass mir und meinem Kind nichts passiert ist. Und ja ich bin verdammt glücklich, nein unbeschreiblich glücklich, dass vor allem meinem Kind nichts passiert ist. Gott weiß, zu was ich in der Lage wäre. Ich bin glücklich. Doch ich bin auch traurig, so unheimlich traurig, nicht bei meinem Kind gewesen zu sein. Gerade dann, als es mich wahrscheinlich ganz arg gebraucht hatte.

Ich suche in meinen Erinnerungen nach ihrem Gesicht, doch ich sehe es nicht. Ich habe das erste Mal als Mutter die Kontrolle verloren. Ich bin ehrlich. Wisst ihr, wie oft ich während des Autofahrens auf mein Handy gucke? Wie oft ich mich zu Sajra drehe, weil sie weint oder etwas möchte? Wie oft riskiere ich einen Blick und wie oft riskiere ich damit ein Leben! Vor allem ihres, meines aber auch eines anderen Menschen. Das ist die Wahrheit. Ich möchte keinesfalls den Moralapostel spielen, aber wenn ich nur einen von euch erreicht habe, habe ich eine Menge getan. Dieses Mal hatten wir einen Schutzengel, nein eine ganze Armee an Schutzengeln. Doch das nächste Mal wird es diese Armee vielleicht nicht mehr geben.Die ersten Tage verbarrikadierte ich mich zu Hause. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen. Ich wollte mich nicht parat machen, mich nicht hübsch anziehen, lief vier Tage im gleichen Jogginganzug herum. Ich vermied jeglichen Kontakt zu Freunden, zu Familie, zu Social Media. Es war, so als ob ich mich bestrafen wollte. Heute ist der erste sonnige Tag seit dem Unfall. Ich liebe es morgens die Rollos hochzuziehen, wenn mich die Sonnenstrahlen im Gesicht treffen. Heute war so ein Tag. Und heute ist der erste Tag, an dem ich beginne, unseren Unfall als Lektion sehe. Aber auch als Geschenk. Es war ein Geschenk von Gott. Aber auch eine Lektion. Vielleicht überdenkt Ihr nun das nächste Mal euren Griff zum Handy oder euren Blick zum Kind auf der Rückbank. Lieber ein weinendes, aber gesundes Baby – stimmt’s?

Danke für Eure Aufmerksamkeit,

Azra

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6 Kommentare

  • Reply Elena 29. September 2016 at 9:18

    Wie schnell kann alles vorbei sein… zum Glück ist niemand schwer verletzt worden oder gar noch schlimmer. Ich mag gar nicht daran denken und als Mama sowieso nicht. Es soll uns allen zu denken geben. Die Hektik und Streß im Alltag machen uns so unaufmerksam… Es ist leicht gesagt, aber so wichtig einen oder gar zwei Gänge zurück schalten. Achtsamkeit und Demut sind zwei Dinge die nicht nur Mütter sondern die ganze Welt anstreben sollte. Liebe Azra, ich wünsche dir von ganzem Herzen alles alles Gute ❤

  • Reply Fieska 29. September 2016 at 12:04

    Oh nein! Es ist ein Alptraum was dir passiert ist und ich kann es nachvollziehen wie du dich fühlst. Ich hatte auch ein Autounfall, aber Adrian war noch nicht auf der Welt. Trotzdem fühlt es sich furchtbar. Geb dir keine Schuld! Es sind Sekunden und wir als Menschen haben keine Superkräfte um alles perfekt zu machen! Alles, alles Liebe für Euch! ❤️

  • Reply Doro 29. September 2016 at 15:27

    Liebe Azra,
    ich sitze gerade selbst im Auto während ich deinen Text lese, auf dem Parkplatz, bereit loszufahren. Bewusst, dass ich mir deinen Text zu Herzen nehmen werde und bewusster auf meinen Weg achte.

    Ich selbst hatte als Kind einen Autounfall, an dem ein anderer Verkehrsteilnehmer schuld trägt. Die Schmerzen, Bilder und auch die darauffolgenden Tage verfolgen mich. Nicht immer, aber sie sind da. Heute, 16 Jahre später noch habe ich Schmerzen & das obwohl die Ärzte damals sagten es ist nicht viel passiert.
    Wir danken noch heute dem Schutzengel für unser unglaubliches Glück.

    Drück deine Maus ganz fest & höre bloß das Fahren nicht auf.. vergessen und weiter fahren ist wohl am wichtigsten ❤️

  • Reply Janine 29. September 2016 at 18:43

    Ich weiß ganz genau wie Du Dich fühlst!

  • Reply Dorle 30. September 2016 at 8:24

    Oh Mist, mir kommen gerade echt die Tränen… Ja scheiße, ich schau auch oft aufs Handy… Denke dass ich alles unter Kontrolle habe… Da hilft wohl nur Handy nach hinten legen, Bluetooth an. Danke für Deinen Beitrag und alles Gute!

  • Reply Steffi 30. Dezember 2016 at 15:30

    Oh Gott, du sprichst mir gerade aus dem Herzen…. Ich hatte auch vor Weihnachten einen schweren Unfall mit meinem Sohn. Ich fühle mich genau wie Du. Wie geht es euch mittlerweile ? Viele liebe Grüße Steffi

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